Geschickt Eingefädelt

Wenn Geschickt eingefädelt gutes Fernsehen ist, erschießt mich!

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Claudia Haessy

Die haessyliche Wahrheit über: Geschickt eingefädelt

Das deutsche Fernsehen ist gar nicht so schlecht, höre ich immer wieder. Gib ihm eine Chance! Schau doch mal Tatort oder Die Höhle der Löwen! Okay, denke ich, und greife Dienstag Abend gequält nach der eingestaubten Fernbedienung, um mir die neue Sendung Geschickt eingefädelt – wer näht am Besten? mit Guido Maria Kretschmer anzugucken.

Kretschmer, passionierter Menschenfreund und – zusammen mit Daniela Katzenberger – inoffizieller Vox-Botschafter, führt mit einer Emphase durch Deutschlands erste Nähshow, die ihresgleichen sucht.

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Handarbeit als soziales Happening

DIY ist seit Jahren im Kommen. Die Blogs dazu vermehren sich schneller, als galoppierende Geschlechtskrankheiten im Berghain. Menschen rotten sich in Cafés zusammen, um gemeinsam zu nähen, zu stricken und zu häkeln. 

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Aber reicht das als Grund, um im Abendprogramm Deutschlands begabtesten Hobbyschneider zu suchen? Ist das, nach all den Kochshows, nun einfach der nächste evolutionäre Schritt? Was kommt danach – Deutschlands bester Laubbläser?

Denn eins ist klar:

Geschickt eingefädelt ist nur eine dröge Version des amerikanischen Formats Project Runway.

Kretschmer ist – wie schon bei seiner Stamm-Sendung Shopping Queen – Juror und Knuddelbär in Personalunion. Ihm zur Seite stehen Inge Szoltysik-Sparrer, Bundesvorsitzende des Maßschneiderhandwerks, die an eine strenge Rektorin im erzbischöflichen Mädcheninternat erinnert, und die völlig unbekannte Designerin Anke Müller, deren einzige Kernkompetenz immerwährende gute Laune zu sein scheint. 

(Ich mag dauerlächelnde Menschen nicht. Sie sind mir unheimlich und ich unterstelle ihnen schwerwiegende Geisteskrankheiten.)

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Unter der Regie dieser drei Juroren nähen die acht Kandidaten um ihr Leben bzw. um eine Einladung für die École de la Chambre Syndicale de la Coutoure Parisienne, wo offenbar schon Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent munter vor sich hingenäht haben.

Deine Mutter ist slow

Die Hobby-Schneider sind allesamt nicht besonders schillernd oder skurril oder unterhaltsam. Das sollen sie auch nicht sein. Kretschmer mag Slow TV und so ist die gesamte Sendung dann auch: slow.

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Kretschmers neckische Kommentare haben dabei lediglich den Unterhaltsmehrwert von Nährwerttabellen. Und wenn ich sage, die Challenges (klassischer Bleistiftrock nach Schnittmuster und altes Herrenhemd, das in ein modernes Party-Top verwandelt werden soll), hauen mich null vom Hocker, dann ist das die Untertreibung des Jahres.

Ich wünschte, es wäre so. Wirklich. Vielleicht würde ich mir auf dem Parkett den Kopf anschlagen und einfach besinnungslos bis zum Ende der Sendung liegen bleiben. Das wäre schön.

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90 Minuten Ödnis

Stattdessen halte ich tapfer durch und überlege, ob die exzessiv verwendete Untermalungsmusik wohl erfolgreich eingesetzt werden könnte, um Kampfhunde zu konditionieren.

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Spannend wie eine Kanne Abführtee

Wahrscheinlich muss man einfach ein hartgesottener Näh-, Handarbeits- oder Kretschmer-Fan sein. Denn sonst ist man dieser Sendung schneller überdrüssig, als Inge Szoltysik-Sparrer ihren Namen buchstabieren kann.

Wenn das gutes, solides deutsches Fernsehen sein soll, dann erschießt mich.

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Hast du dir die Sendung schon angeschaut?

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Titelbild via © VOX/Andreas Friese

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Couching, in dem sich alles um Serien, Filme, Games und dein geliebtes Sofa dreht! So wie in diesen Artikeln: