Entschuldigung, aber Sexismus ist keine Geschmackssache

Müllermilch hat sich also für Pin-Ups als Weihnachtsmotive entschieden. Vor allem die Verwendung der „Sheila Schoko“ (POC-Frau für den Schoko-Drink) sorgt für einen Shitstorm.

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Neben vielen Stimmen, die sich über das Design beschweren, gibt es aber mindestens genauso viele, die das Problem nicht verstehen. Es scheint, als sei das Verständnis dafür, was Rassismus und Sexismus bedeuten, immer noch nicht klar. 

Kleiner Spoiler: Es ist keine „Geschmackssache“. 

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Was ist daran sexistisch? 

Das Problem, das ich als Feministin mit den Pin-Up-Motiven habe, ist schnell erklärt: Ich verstehe nicht, warum eine Weihnachtsedition eines Getränkes mit Brüsten beworben werden muss. 

Ja, es sind hübsche Frauen. Ja, Pin-Ups sehen so aus. Ja, die Motive an sich sind fragwürdig, aber meinetwegen ästhetisch. 

Der Ärger entsteht durch die Kombination aus Getränk und Frauenkörpern, die sich dem Betrachter darbieten. Es sind eindeutig Posen, die auf sexuelle Verfügbarkeit hindeuten (Dessous, räkelnd, den Konsumenten anschauend, flehender Blick). Die Botschaft: „Konsumiere die Frau für deine Lust, so wie du eine Müllermilch trinkst“. 

Sorry, aber das finde ich einfach nicht in Ordnung.

Was ist daran rassistisch?

Ich finde es bezeichnend, dass POC-Frauen immer dann herangezogen werden, wenn es um Exotisches geht. Hätte jede Packung eine x-beliebige Frau abgebildet, wäre es KEIN Rassismus (aber immer noch sexistisch wie Sau).

Ausgerechnet für die Schoko-Variante eine POC-Frau zu wählen und diese dann auch noch Sharon Sheila Schoko zu nennen, deutet auf eine gehörige Portion Ignoranz hin. Die Stellungnahme des Konzerns, ob man lieber „Banane“ als Geschmacksrichtung hätte zuordnen sollen, unterstreicht das noch einmal. Doppelt, rot und mit Ausrufezeichen. 

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Warum hört eigentlich keiner zu?

Erschütternd ist für mich, dass so viele Menschen das Problem nicht sehen oder verstehen können. Es scheint so offensichtlich, so gnadenlos falsch, dass jeder Mensch sofort aufschreien müsste. Trotzdem gibt es Vorwürfe, unverhältnismäßig zu reagieren, wenn man sexistische/rassistische Darstellungen kritisiert.

Da ich als weiße Frau ebenfalls zu einer privilegierten Gruppe gehöre, fühle ich mich nur berechtigt, zur Sexismus-Debatte Stellung zu beziehen. 

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Und in Diskussionen dieser Art tauchen bestimmte Argumente einfach immer wieder auf – egal, ob sie sinnvoll sind oder nicht.

Meine Top 6:  

1. „Haben wir keine anderen Sorgen?“

Ja, natürlich haben wir andere Sorgen: Katastrophen, politische Unruhen, Krieg, Folter, Todesstrafe, Serienmörder, Teenagerschwangerschaften, Übergewicht, globale Erwärmung, Magersucht, Pegida, Massenkonsum...

Diese Probleme sind da und furchtbar und wir müssen etwas tun. Aber bloß, weil ich mich gerade in diesem Moment für eine Sache einsetze, finde ich alles andere doch nicht unwichtig. Zumal für die Rechte von Menschen – und damit auch gegen Sexismus und Rassismus – zu sein, ohnehin ein Schlüssel für die Lösung einiger dieser Probleme ist. 

2. „Wer sich daran stört, ist doch verklemmt“

Das FeministInnen verklemmt, sexfeindlich, prüde oder zu hässlich sind, um überhaupt gebumst zu werden, holt man gerne als Killer-Argument aus dem Keller. (Viele feministische Porno-ProduzentInnen und -DarstellerInnen sehen das mit Sicherheit anders.)

Noch mal ganz klar und deutlich: Gegen Sexismus zu sein, bedeutet nicht, gegen Sex zu sein. 

Ich habe aber ein Problem damit, wenn Frauen so dargestellt werden, als wären sie immer bereit, als wäre ihre heißeste Fantasie, dass ihr Partner ordentlich befriedigt wird und das sie nur sexy sein können, wenn ein (zumeist) männlicher Betrachter es ihnen zugesteht. 

3. „Scheiß-Feministinnen“

Man darf Feminismus blöd finden. Man darf auch Kapitalismuskritik blöd finden. Man darf sogar Political Correctness blöd finden. Aber bitte dann nicht so tun, als hätte man gute Gründe dafür. 

Feministinnen finden Sexismus allgemein ziemlich beschissen, egal, in welcher Form und auf welchem Teil der Erde. Ich hab mit den Müllermilch-Darstellungen ein Problem UND finde Steinigungen absolut furchtbar. Wie kommt man überhaupt auf die Idee, dass FeministInnen Steinigungen gut finden oder für tolerierbar halten könnten? 

Ich lese da eigentlich immer nur „Ihr Feministinnen seid blöd.“ Lame.

4. „Ich bin zwar eine Frau, aber ich hab nix dagegen.“

*Seufz* Also, um mit einem weit verbreiteten Irrglauben aufzuräumen: Es gibt keine übergeordnete Mutter-Vagina, die Frauen telepathisch übermittelt, was sie zu welchem Thema zu denken und zu sagen haben. Das bedeutet auch: Frauen, die keine Feministinnen sein möchten, brauchen keine zu sein. 

Trotzdem gibt eine Frau, die es „irgendwie okay“ findet oder gegen FeministInnen wettert, niemandem einen Freifahrtschein für Sexismus. Dass viele sich nicht beleidigt fühlen, heißt vor allem, dass das Wissen darüber, was Sexismus eigentlich ist, noch nicht vielen nahegebracht wurde oder ganz und gar missverstanden wird. 

Außerdem können Frauen genauso schlimme Sexisten sein wie Männer großartige Feministen sein können. Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun.

5. „Ich finde, das ist Ansichtssache.“

Ich kann verstehen, dass manche sich persönlich nicht beleidigt fühlen durch die Pin-Ups. Es ist sicher für Nicht-Betroffene schwer nachzuvollziehen, warum andere sich in bestimmten Situationen diskriminiert fühlen. Trotzdem sind weder Sexismus noch Rassismus eine Meinungsfrage. 

Die Definitionen für beide Begriffe sind nicht allzu flexibel. Sie entstammen jeweils der gleichen grundsätzlichen Haltung – nämlich, dass Menschen durch ihr Geschlecht oder ihre ethnische Abstammung auf bestimmte Verhaltensweisen, Stärken und Schwächen festgelegt sind. Selbst zu merken, wo und inwieweit man Vorurteile hat, ist nicht einfach. Ich glaube, niemand ist frei davon, manchmal diskriminierend zu sein. 

Um einen fruchtbaren Dialog zu erreichen, muss man aber die grundsätzliche Offenheit mitbringen, sich seinen eigenen Vorurteilen zu stellen. Alle Männer für Sexisten zu halten ist genauso bescheuert, wie zu denken, dass man nie im Leben etwas sexistisches Denken könnte. 

6. „Die wollen doch den Shitstorm.“

Im Grunde ist mir ziemlich egal, ob Müllermilch mit der Kampagne und dem dazu gerufenen Shitstorm Erfolg hat oder nicht. Meinetwegen können SexistInnen die Regale in allen Supermärkten leer kaufen und in Müllermilch baden. 

Aber wenn wir uns den Mund verbieten oder verbieten lassen, dann denken viele Menschen automatisch, es wäre okay so. 

Und das ist es nicht. 

Es kann unfassbar frustrierend sein, über heiße Themen wie Rassismus und Feminismus zu sprechen. Aber wenn wir die Missstände beheben wollen, kommen wir nicht drumherum, in den Dialog zu treten. Der Tag, an dem die Menschheit erwacht und alle sich lieb haben und gleiche Rechte für alle wollen, wird nicht von alleine kommen. 

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Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Caring, in dem es um Dinge geht, die unsere Welt besser machen: Konsum, Umweltschutz, Gerechtigkeit, Gesellschaft. So wie in diesen Artikeln: