Cevapcici

Was ich als einzige Vegetarierin in meiner Balkan-Familie gelernt habe

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Kati Kürsch

Du hörst Balkan und denkst an Ćevapčici, Šljivovica, etwas befremdliche Reigentänze (kolo), Pljeskavica, die gigantische Grillplatte beim Jugo um die Ecke... Auf jeden Fall kommt in der Aufzählung irgendwie Fleisch vor.

Sehr viel Fleisch. Denn Fleisch ist auf dem Balkan ein Grundnahrungsmittel. Das Leben als einzige Vegetarierin in meiner Balkanfamilie war und ist deshalb sehr lehrreich. 

Hier meine fünf wichtigsten Lektionen:

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1. Mit mir stimmt offenbar was nicht

Die heilige Dreifaltigkeit auf dem Balkan besteht aus Fleisch, Schnaps und Patriotismus. Dass ich Nationalstaaten für ein bescheuertes Konzept halte, hat meine Eltern schon schwer genug getroffen – aber nun verzichte ich auch noch auf Fleisch? Freiwillig? Irgendwas kann mit mir nicht stimmen! Es heißt ja nicht umsonst, Verwandte seien dein „eigen Fleisch und Blut“. 

Wahrscheinlich denken sie, wenn man sich vegetarisch ernährt, schwört man auch seiner Familie ab. Das darf nicht sein! Seit mehr als fünf Jahren fragt mich mein Vater, wann ich denn „endlich wieder normal“ werde. Mutter betet für mich.

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2. Ich kann diszipliniert sein!

Zugegeben: Vor einer Platte Pršut, Kulen und Kobasica zu sitzen, ohne direkt das ganze Gesicht darin zu vergraben, war schon schwer, als ich noch Fleisch gegessen habe. Nun wimmere ich innerlich vor mich hin, denke aber an all die ethischen Gründe, die mich daran hindern, zuzugreifen – und gebe den unterschiedlichen Fleischsorten Namen. Der Pršut heißt Petar, der Kulen Krešo und die Kobasica Kaja. 

Während in mir mein Hunger und meine Grundsätze miteinander kämpfen, sieht es von außen aus, als könnte ich jeder Versuchung widerstehen. Mittlerweile glaube ich sogar, dass das auch stimmt.

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3. Bei Mama schmeckt’s fast so gut wie bei mir

Ja, eine schockierende Feststellung, aber: Von Mutter zu erwarten, dass bei Familienessen jedes ihrer vier Kinder eine Extra(tofu)wurst bekommt, ist ziemlich arschig und verwöhnt. Letzteres bin ich ja tatsächlich, aber das habe ich kaschiert, indem ich mehr und mehr für mich selbst kochte. Bonus: Ich habe nicht erst gezwungenermaßen Kochen gelernt, als ich wegen des Studiums ausgezogen bin. 

Deshalb wird auch heute in meinem traurigen Singlehaushalt so gut wie immer frisch und mehr oder weniger abwechslungsreich gekocht. Nein, Tiefkühlpizza zählt nicht.

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4. Geduld, Kind. Geduld.

Nur wenig ist schlimmer, als sich mit passionierten Fleischessern vom Balkan über fleischlose Ernährung zu unterhalten. Jahrelang immer wieder. Ich kann noch so oft die ethischen und gesundheitlichen Gründe aufzählen; in den meisten Fällen perlen sie an meinem Gegenüber und an „aber denk doch an die Ćevapčici!“ ab. Es ist zum Heulen. 

Stattdessen kippe ich einen Schnaps, atme tief durch und lenke das Gespräch in eine unverfänglichere Richtung. Politik, Strafen gegen den kroatischen Fußballverband oder die Kriege in den 1990ern zum Beispiel.

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5. Alle Manche lieben mich

Eine der interessantesten Feststellungen im Laufe der Jahre: Selbst die Verwandten, die mich nur alle paar Jahre mal sehen, wissen, dass ich kein Fleisch esse und nehmen darauf Rücksicht, indem sie auf gewohnt übertriebene Balkanart fünf fleischlose Alternativen zum „normalen“ Essen anbieten. 

Dafür, dass sie diese Information tatsächlich parat haben, gibt es zwei mögliche Erklärungen: Entweder sie haben es sich einfach gemerkt, weil sie mich so lieb haben – oder meine Eltern jammern regelmäßig, was für ein Freak ihre Tochter ist.

Dann wiederum gibt es natürlich auch Verwandte, die man relativ häufig sieht und die auf „ich esse doch kein Fleisch“ mit „oh da war ja was“ oder „immer noch nicht?!“ reagieren. 

Na ja, immerhin liebt mich der andere Teil der Familie, auch wenn ich in ihren Augen seltsam bin. Und letzten Endes kommt es nur darauf an.

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Kennst du die Fleischliebe der Balkanesen?

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Titelbild via Pixabay

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Caring, in dem es um Dinge geht, die unsere Welt besser machen: Konsum, Umweltschutz, Gerechtigkeit, Gesellschaft. So wie in diesen Artikeln: