Rosenkohl

Rosenkohl – warum du ihn entweder liebst oder hasst

Es gibt Dinge, bei denen gibt es keine zwei Meinungen. Entweder du findest sie super – oder richtig beschissen. Wir haben Verständnis für beide Seiten. Heute: Rosenkohl.

HASS:

VON JESSICA WAGENER

Ich verabscheue Rosenkohl. Ich verabscheue Rosenkohl so sehr, wie ich Spinnen verabscheue, wahrhaft schlechte Menschen und Fußpilz. Ich weiß nicht, ob dieses Gefühl angeboren ist, aber es ist echt und leidenschaftlich. Wenn ich könnte, würde ich Rosenkohl mit einem Fingerschnippen vom Antlitz des Planeten tilgen und befreit und herzhaft lachen.

Warum das so ist? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen: Rosenkohl möchte wie eine Rose aussehen, aber er sieht eben nur aus wie Kohl. Das ist armselig, das muss außerdem hart sein. Vielleicht ist er darum so bitter. Denn egal, wie oft und wie tief man ihn in Butter schwenkt, röstet, grillt, mariniert, in Sauce Hollandaise ertränkt oder unter Speck begräbt: Rosenkohl ist bitter wie Lebertran und meistens auch noch matschig.

Weil ich aber keine Fünfjährige mehr bin und grundsätzlich versuche, ein weltoffener, aufgeschlossener, friedlicher Mensch zu sein, probiere ich ihn in unregelmäßigen Abständen, wenn meine Erinnerung an seine Ekelhaftigkeit verblasst ist, und jemand heuchelt: “Nein, nein. Rosenkohl ist überhaupt nicht eklig. Das ist alles nur eine Frage der Zubereitung.” Ist. Es. Nicht.

Dies geht also raus an mein zukünftiges Ich, das bei einem Weihnachtsessen mal wieder kultiviert und geschmacksflexibel erscheinen will: Lass es. Bleib beim Kartoffelpüree. ROSENKOHL IST WIDERLICH.

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LIEBE:

VON CLAUDIA HAESSY

Wie kann man bitte Rosenkohl verabscheuen? Er kriecht nicht in unsere Mägen, während wir mit offenem Mund schlafen und legt dort zwölfzig Millionen Eier ab. Er beginnt keine Kriege oder lügt dich an, nachdem er mit deiner besten Freundin geschlafen hat. Und er macht auch nicht, dass Körperteile komisch aussehen und/oder riechen und/oder abfallen. Rosenkohl ist unschuldig. Vor allem an dem Hass, der ihn zuweilen trifft.

Von dem ganzen Bodyshaming ganz zu schweigen. Ja, er ist nicht das hübscheste Gemüse auf diesem Planeten, aber wir wollen doch bitte sachlich bleiben. Ich gehe ja auch nicht in den Supermarkt und beschimpfe Avocados, weil sie aussehen wie eine Brutstätte für Genitalwarzen.

Aber ich gestehe, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie selbst Rosenkohl zubereitet. Muss ich auch nicht. Für sowas hat man Mütter und Großmütter. Denn Rosenkohl ist nicht einfach nur ein Gemüse, irgendeine weitere Kohlsorte, irgendwas, was einem in der Tiefkühlabteilung fröhlich zuwinkt und manisch “Probier mich!” schreit.

Rosenkohl ist Zuhause. Rosenkohl ist beieinander sitzen, an einem großen, liebevoll gedeckten Tisch, mit kreischenden Kindern und schweigenden Großvätern, mit dampfenden Kartoffeln und zischenden Bratwürsten. Und über allem der Geruch von frisch zubereitetem Kohl. Rosenkohl ist das laute Durcheinanderreden, das Lachen, das sich den vollen Bauch halten und natürlich das quer über den Tisch reichen der Sauce Hollandaise - die sich wie ein wohliger Mantel um die Kohlknospen schmiegt und eine geschmacksorgiastische Symbiose bildet, die der Zunge das vage Gefühl vermittelt, wie Liebe schmecken muss.

Ganz ehrlich: Wie kann man etwas verabscheuen, dessen Lebensziel es ist, in einer Sauce aus Butter ertränkt zu werden? Eben.

Zeige deinen Freunden endlich, wie du wirklich zu Rosenkohl stehst

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Titelbild via Stocksnap

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Caring, in dem es um Dinge geht, die unsere Welt besser machen: Konsum, Umweltschutz, Gerechtigkeit, Gesellschaft. So wie in diesen Artikeln: