Gnadenlos ehrlich: Wir müssen aufhören, die Ehe überzubewerten

80 Menschen, die sich in unbequeme Kleidung werfen, um zwei Menschen dabei zuzuschauen, wie sie sich etwas versprechen, das sie ohnehin nicht halten können, um Steuererleichterungen zu bekommen, die absolut unfair sind. 

Du merkst es schon: Ich bin kein Fan der Ehe. 

Hier sind die Gründe dafür: 

Ehe ist eine Erfindung

Düdüm! Du denkst vermutlich, eine monogame Beziehung bis ans Lebensende ist der natürlichste Zustand der Welt – falsch gedacht! 

Klar hat jede Gesellschaft Formen des Zusammenlebens, die beispielsweise festlegen, wer zur Familie gehört, was Liebe bedeutet und wer wem im Alter den Hintern abzuwischen hat. 

Das Konzept der Ehe entstand aber vor allem auf Grund praktischer Überlegungen.

Ehe ist Besitzanspruch

Stell dir vor, du liegst auf deinem Sterbebett und hast einen Haufen Gerümpel zu vererben. Du kannst es natürlich der Gemeinschaft schenken – dann hat jeder was davon. Oder du gibst es deinen Kindern, damit der Besitz in der Familie bleibt. Dafür musst du allerdings wissen, ob deine Kinder auch tatsächlich deine Kinder sind. 

So oder so ähnlich, muss wohl die Erfindung der Ehe abgelaufen sein. 

Sich für ewig aneinander zu binden hat nämlich vor allem einen Vorteil: Du hast eine ziemlich gute Chance, dass deine Kinder auch tatsächlich deine Kinder sind (und wenn nicht, landet deine Frau dafür wenigstens in der Hölle). 

Das erklärt im Übrigen auch, warum manche Gesellschaften kein Problem damit hatten, dass Männer noch einmal heiraten oder Geliebte unterhielten – Frauen aber bitte treu bis ans Lebensende zu sein hatten. 

Ehe ist Versorgungspflicht

Ein anderer Grund, warum Ehen früher super wichtig waren: 0 soziales Versorgungsnetz. Keine Arbeitslosenversicherung, keine Altersheime und eine kleine Erkältung konnte dich durchaus dein Leben kosten. Da ist es schon nett, wenn man weiß, dass der Partner einen nicht verlassen darf und sich im Zweifelsfall um dich kümmern wird. 

Außerdem war eine Welt ohne Mikrowellen, Straßenbahnen und Internet ziemlich zeitaufwendig. Während Männer also auf den Feldern arbeiteten und das Haus in Stand hielten, kümmerten Frauen sich um Heim, Herd und Kinder. 

Eine Arbeitsteilung, die nötig und für beide überlebenswichtig war. 

Ehe ist nutzlos (geworden)

Du merkst, worauf ich hinaus will, oder? Sowohl die Abstammung als auch die Versorgungslogik sind inzwischen nicht mehr entscheidend. 

In Zeiten der DNA-Tests wissen wir zum einen, dass Eheversprechen noch lange nicht dazu führen, dass deine Kinder auch tatsächlich deine Kinder sind und zum anderen können wir jederzeit zweifelsfrei feststellen, wer zur Blutsverwandtschaft gehört. 

Gleichzeitig sind wir nicht mehr auf eine Arbeitsteilung nach Geschlechtern angewiesen. Haus- und Lohnarbeit erledigen ohnehin beide und auch gut für sich allein. 

Warum also halten wir immer noch an dem Konzept Ehe fest?

Ehe ist falsche Sicherheit

Wenn man auch nur irgendetwas in unserer Gesellschaft über Liebe lernt, dann, dass eine Heirat das Tollste ist, was einem passieren kann. Es ist eine Art Orden, den man für gelungene Beziehungsführung an Menschen verleiht, die einen besonders wenig nerven und die daher eventuell für immer aushaltbar sein könnten! 

Warum ich das so zynisch sage? Weil im Schnitt jede zweite Ehe früher oder später beim Scheidungsanwalt landet. 

Ehe ist Angst vor dem Alleinsein

Das, was Menschen eigentlich bei einer Hochzeit sagen sollten ist: „Ich habe eine scheiß Angst davor, allein zu sein und dir diesen Ring anzustecken, macht es ein klein bisschen weniger schlimm.“ 

Versteh mich nicht falsch, ich glaube, Menschen, die heiraten, lieben sich in den meisten Fällen wirklich aufrichtig und es gibt sicher auch Ehepaare, die ihre Schwüre ernst nehmen und für immer (sexuell) treu zusammen leben. 

Ich glaube nur, dass das lange nicht bei allen der Fall ist und ich frage mich, warum der Status als Ehepaar ihre Gefühle füreinander wichtiger macht, als sie es vor der Hochzeit waren. 

Ehe ist keine Liebesgarantie

Vielleicht bist du an diesem Punkt schon verdammt wütend auf mich. Ich sei zynisch. Ich wisse nicht, was wahre Liebe ist und ganz offensichtlich habe ich noch nicht den richtigen Partner gefunden – sonst würde ich es verstehen. 

Ich glaube an die Liebe. An die alles verzehrende, nicht-ohne-einander-leben-können-Liebe. Daran, manchmal vor Freude zu weinen, weil das Herz überläuft und manchmal tieftraurig zu sein, nur weil der andere nicht da ist. Und natürlich auch ein Leben zu teilen, Kinder aufzuziehen und füreinander da zu sein. 

Aber all diese Gefühle kann ich eben haben und leben, ohne eine Ewigkeit zu versprechen

Es gibt Paare, die schon nach wenigen Monaten heiraten, ohne einander richtig zu kennen. Paare, die vierzig Jahre glücklich und ohne Trauschein zusammen leben. Eheleute, die einander schon lange nichts mehr zu sagen haben, sich vielleicht sogar hassen. Und ja, auch Ehepaare, die sich nach Jahren immer noch lieben und keinen Tag ohne einander sein wollen – wie meine Eltern zum Beispiel. 

Ehe ist unfaire Bürokratie

Wenn du schon immer von einer Hochzeit träumst und der Titel Ehefrau/mann dir wichtig ist, spricht überhaupt nichts dagegen, zu heiraten. Ich komme sogar gern als Gast zu deiner Hochzeit, freue mich mit euch und wünsche euch nur das Beste. 

Aber warum müssen Ehepaare weniger Steuern bezahlen? Bloß, weil sie beim Standesamt einen Wisch unterschrieben haben, der ihre Liebe beglaubigt? Oder warum dürfen gleichgeschlechtliche Paare ihre Ehe nicht Ehe nennen? Um religiösen Fanatikern nicht auf den Schlips zu treten? Warum dürfen furchtbare verheiratete Menschen leichter adoptieren oder eine künstliche Befruchtung durchführen lassen? 

Das ist doch alles totaler Bullshit! 

Außerdem darf ja jeder Hinz und Kunz heiraten, solange er volljährig, sowie bisher unverheiratet ist und den Pass brav ins Standesamt mitbringt. 

Was sagt das schon über seine moralischen Werte, seine Verlässlichkeit oder seine Kompetenz zur Kindererziehung aus?

Fazit: Ehe ist gnadenlos überbewertet

Ich will nicht, dass Hochzeiten und Ehen abgeschafft oder sogar verboten werden. Jeder hat ein Recht darauf, sein Leben zu leben, wie es ihm passt. 

Aber ich glaube, es täte unserer Gesellschaft gut, die Ehe nicht mehr so chronisch überzubewerten. Schlussendlich geht es keinen Beamten der Welt etwas an, wen und wie viele Menschen ich liebe, ob wir zusammen leben, oder unsere Finanzen organisieren. Es braucht ihn auch nicht zu kümmern, welche sexuelle Orientierung wir haben, oder wie wir unsere Habseligkeiten aufteilen, wenn wir nicht mehr zusammen sein wollen. 

Unverheiratete regeln all diese Dinge ja auch permanent unter sich – und kommen damit ganz ausgezeichnet aus. 

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Titelbild via Pixabay

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Caring, in dem es um Dinge geht, die unsere Welt besser machen: Konsum, Umweltschutz, Gerechtigkeit, Gesellschaft. So wie in diesen Artikeln: