Ich kaufe nichts mehr und bin super glücklich dabei

Minimalismus ist gerade DAS Ding. Menschen, die zuvor voller Stolz ihre überfrachteten Bücherregale präsentierten und ihre 150 Nagellacke auf Instagram zeigten, fangen plötzlich an, was von Konsumverzicht zu faseln. 

Tja, ich bin offiziell eine dieser Verrückten. 

Die Idee

Klar, lässt es sich nicht komplett vermeiden, Geld auszugeben. Ich muss die Miete zahlen, den Kühlschrank füllen und hin und wieder den öffentlichen Nahverkehr bemühen. 

Trotzdem glaube ich, dass man auf vieles verzichten könnte, wenn man es einfach einmal probieren würde. So entstand die Idee, in diesem Jahr auf Konsum soweit zu verzichten, wie irgend möglich. 

Wer ist Harald Welzer?

Wenn mich jemand vor einem Jahr gefragt hätte, wie man Öko-Standards durchsetzt und die Welt zu einem besseren Ort macht, hätte ich gesagt: „Der Konsument entscheidet“. 

Keiner zwingt mich, Aldi-Billigfleisch zu kaufen, H&M Shirts zu horten und jede neue Generation des iPhones mitzumachen. Ich war überzeugt, dass ich durch bewusste Kaufentscheidungen und die Unterstützung der „richtigen“ Anbieter, alles tun kann, was in meiner Macht steht – bis ich Harald Welzer wiederentdeckte. 

Harald Welzer ist Soziologe und Sozialpsychologe. Er forscht vor allem zu Klimafolgen und sozialen Dynamiken und hat ein großartiges Buch über unseren Umgang mit dem Klimawandel geschrieben: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand.

Bild via amazon.com

Verzicht ist Muss

Was aus diesem Buch bei mir vor allem hängenblieb, war die Erkenntnis, dass es scheißegal ist, wo und was ich kaufe, wenn ich nicht den Kreislauf des Kaufens selbst durchbreche. 

Auch Bio und nachhaltig zu kaufen, bedeutet ständigen Ressourcenverbrauch, gesteigerte Nachfrage und endlose Logistikketten. Gleichzeitig kann ich aber mein Leben relativ unverändert fortführen und mich von meiner Verantwortung freikaufen. So fühlt es sich jedenfalls für mich an. 

Aber wie unterbricht man den Kreislauf denn nun? Ich habe für mich ein paar einfache Regeln aufgestellt ...

1. Gutes Essen

Vegetarierin bin ich schon eine ganze Weile, zu Hause esse ich ausschließlich vegan. In einem konventionellen Supermarkt habe ich seit über einem Jahr nicht mehr eingekauft – alles kommt vom Markt oder aus dem Bio-Laden an der Ecke. 

Ich kaufe also Bio, regional und möglichst saisonal. Ich versuche alle Lebensmittel aufzubrauchen und verzichte weitestgehend auf tierische Bestandteile. Besser geht es aber immer: zum Beispiel als Selbstversorger

Klar, ist Bio oft teurer – das empfinde ich ganz persönlich aber nicht als ein überzeugendes Argument. In den billigen Preisen der Industrieprodukte sind die Auswirkungen für Mensch, Tier und Umwelt nicht einberechnet. Durch Subventionen und Ausbeutung weltweiter Ressourcen wird ein geringer Preis möglich, der die meisten den Respekt vor Lebensmitteln verlieren lässt.

Wenn du beispielsweise ein Huhn für 2,50 € kaufst, bezahlst du nicht nur das Fleisch. Du bezahlst das Futter, die Aufzucht, Medikamente, die Ställe, den Transport, den Züchter, den Schlachter, den LKW-Fahrer – und der Supermarkt macht trotzdem noch Gewinn. Da kann doch etwas ganz und gar nicht stimmen, findest du doch auch?

2. Leihen oder Reparieren oder Ersetzen

Klar, geben hin und wieder auch Haushaltsgegenstände den Geist auf oder Dinge des täglichen Gebrauchs müssen ersetzt werden. Vor einer Neuanschaffung stelle ich mir trotzdem immer die Frage: Kann ich den Gegenstand leihen, reparieren oder vielleicht durch etwas anderes, das ich bereits besitze, ersetzen? 

Für Bücher durchforste ich die Datenbanken der öffentlichen Bibliotheken und schreibe Freunde an. Kleidung stopfe und flicke ich selber oder bringe sie zum Schneider. Und niemand mit zwei gesunden Händen und ordentlichen Gabeln braucht einen Kartoffelstampfer! 

Klar habe ich auch etwas gemosert, als Mitte Januar meine beiden Lieblingshosen den Geist aufgaben. Und ich gebe zu, ich war kurz davor, sie mir nachzubestellen. Aber ich bin standhaft geblieben – und trage jetzt ausschließlich meine Röcke. Die können wenigstens nicht im Schritt einreißen. Ha – ausgetrickst! 

3. Langfristig denken

Meine Mitbewohner haben vermutlich heimlich darüber gelacht, dass ich beim Umzug weder einen Kleiderschrank noch ein Bücherregal mitbrachte. Ich behalf mir mit Umzugskarton- und Obstkistenkonstruktionen, die in der Tat etwas chaotisch aussahen. 

Aber ich wollte einfach keinen Kleiderschrank bei IKEA bestellen, nur um einen zu haben. Ich durchstöberte lieber an den Wochenenden An- und Verkäufe und Trödelläden, bis ich auf ein Prachtstück aus Massivholz stieß. Vermutlich ist der Schrank doppelt so alt wie ich – und das sagt mir, er wird auch noch eine Weile länger durchhalten. 

Sollte ich also in naher Zukunft gezwungen sein, Anschaffungen zu tätigen, die sich tatsächlich nicht vermeiden lassen, werde ich in jedem Fall gebraucht kaufen. Das verbraucht keine Ressourcen und ich hab die Chance die guten Stücke bis an mein Lebensende von einer WG in die nächste zu schleppen. 

4. Mit den Händen arbeiten

Es ist unglaublich befriedigend, selbst etwas zu reparieren oder herzustellen. Und Dank Youtube ist es auch kein Akt, sich selbst das Stopfen, Backen oder Basteln beizubringen. 

Einmal abgesehen vom Hausbedarf – yeah, selbstgemachte Waschmittel, Scheuermilch und Mascara – sind solche Fähigkeiten auch für Außenstehende beeindruckender, als man denkt. 

Und du kannst weiter anderen Geschenke machen, ohne dafür stundenlang durch Shopping-Mals zu rennen oder Amazon Bewertungen zu lesen. 

5. Nie an Freundschaften sparen

Im Moment gibt es nur eine Sache, bei der ich mir sicher bin, keine Einschnitte machen zu wollen: Mein Sozialleben. 

Mit dem Mitbewohner rotweintrinkend über das Dschungelcamp lachen. Mit Freunden den ganzen Tag im Museum verbringen. Mit den großartigen Kolleginnen Cocktails und gutes Essen genießen. 

Man kann ja an vielem sparen, aber Freundschaften sind einfach unbezahlbar!  

Mir geht es super

Ich will nicht lügen, die ersten zwei Wochen waren der Horror. Ich habe einmal zwei Stunden lang die Seite eines Anbieters von fair trade Kleidung offen gehabt, weil ich überzeugt war, ein neues Kleid oder eine gute Hose zu brauchen. Am Ende habe ich den Laptop aber doch zugeklappt und bin bisher noch keinen Tag nackt aus dem Haus gegangen. 

Nach dem Überwinden des ersten Kaufimpulses kam immer die Erkenntnis, dass ich eigentlich nichts vermisse. Gleichzeitig habe ich gelernt, das mehr zu schätzen, was ich bereits besitze. Bücher, deren Existenz ich schon wieder vergessen hatte, liegen jetzt neben meinem Bett als Nachtlektüre. Der Hosen-Notstand hat mich meine Liebe zu Kleidern und Röcken entdecken lassen. Und auf Leihgaben anderer angewiesen zu sein, hat mich selbst freigiebiger gemacht. 

Vielleicht ist Konsumverzicht nicht für jeden die Lösung und es gibt mit Sicherheit Menschen, die es noch viel strikter und erfolgreicher praktizieren, als ich – die Geldverweigerer zum Beispiel. Aber für mich ist es auf jeden Fall ein Experiment, dass ich gerne weiterführen möchte. 

Ich bin glücklich – auch ohne tägliche Amazon-Sendungen.  

Überzeuge deine Freunde, öfter mal die Brieftasche zu Hause zu lassen

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Titelbild via Stocksnap

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Caring, in dem es um Dinge geht, die unsere Welt besser machen: Konsum, Umweltschutz, Gerechtigkeit, Gesellschaft. So wie in diesen Artikeln: