Die haessyliche Wahrheit über Narcos

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Claudia Haessy

“And pay attention..!” sagt die Stimme während der ersten Folge und ich sitze kerzengerade auf dem Sofa und brülle laut protestierend “Ich WILL aber nicht!” in Richtung des Bildschirms.

Angestrengt blinzle ich in Richtung der Untertitel und stöhne: Seit dem Stummfilm The Artist musste ich mich beim Fernsehen nicht mehr so konzentrieren wie jetzt bei Narcos.

Falls ihr die Serie noch nicht gesehen habt: Sie handelt von Pablo Escobar (Wagner Moura) und seinem Aufstieg zum kokainvertickenden Sauron Kolumbiens, sowie den zahlreichen Versuchen der amerikanischen Drogenbehörde DEA, ihn zu Fall zu bringen. Letztere wird verkörpert durch Steve Murphy (Boyd Holbrook), einem DEA-Agenten, der optisch ein wenig wie der schmächtige, kleine Bruder von Chris Hemsworth wirkt, und auch noch als Erzähler und Guido Knopp in Personalunion daherkommt, um uns in die blut- und drogengetränkten Untiefen der 70er, 80er und 90er Jahre Kolumbiens einzuweihen.

Moura selbst sieht eigentlich nach nichts aus, aber Pablo sah auch nicht viel besser aus. Das ist ja das Perfide an Bösewichtern in der Realität: Sie verstecken sich nicht unter Turbanen an den Hinterköpfen von Hogwarts-Lehrern oder rufen den Kraken, um alle in Angst in Schrecken zu versetzen.

Pablo Escobar
Bild via Perfectionfail

Sie sind einfach da, schmunzeln hin und wieder unter ihrem Schnäuzer hervor und erschlagen Menschen mit Billardqueues oder sprengen Flugzeuge in die Luft. Banalität des Bösen und so.

Die Serie ist gut, keine Frage. Sehr gut sogar. Sie unterhält, fasziniert und lässt einen am Leben der Protagonisten teilhaben, ohne dass man das Gefühl hat, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Und immer wieder werden hübsche Hintergrundinfos zur doch eher unruhigen Geschichte Kolumbiens und des Drogenkrieges mit den USA eingestreut. Historische Leckerlis sozusagen.

Womit ich jedoch ein Problem habe: Bei (der deutschen Version von) Narcos werden lediglich die Amerikaner synchronisiert, während der Südamerikaner an sich fröhlich auf Spanisch vor sich hin plappern darf. Vermutlich wegen der Authentizität.

Aber wohl vor allem wegen der hispanischen Zuschauer. Denn auch wenn Spanisch seit Ende der Inquisition doch etwas an Bedeutung verloren hat, weiß Netflix sehr wohl um den Wert besagten Publikums. Das erklärt, warum die Originalserie zweisprachig ist, aber nicht wirklich, wieso nur die eine Hälfte synchronisiert wurde. Und das führt dazu, dass ich nichts, aber auch wirklich gar nichts verstehe, sobald meine Pupillen auch nur für Sekunden von Bildschirm und Untertitel wegflanieren.

PLAY

Nun, ja. Nichts außer Puta.

Und was das Ganze noch bedauerlicher macht: Als ein Mensch ohne nennenswertes Sexualleben verstehe ich unter Netflix and Chill tatsächlich lediglich Netflix and Chill – und wie soll ich bitte chillen, wenn ich die ganze Zeit aufpassen muss? Der Zuschauer von heute, der primär Schwiegertochter gesucht und andere lobotomienahe Sendungen guckt, ist es doch gar nicht mehr gewöhnt, sich beim Fernsehen konzentrieren zu müssen!

Ich bereue nicht viel in meinem Leben, aber dass ich diese Serie bis zum Ende gucken musste, weil sie so verdammt gut ist, gehört – zusammen mit der Tatsache, dass ich in der Schule so schlecht in Spanisch war – eindeutig dazu.

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Titelbild via Claudia Haessy

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Couching, in dem sich alles um Serien, Filme, Games und dein geliebtes Sofa dreht! So wie in diesen Artikeln: